Wahrscheinlich
verachtete ihn Lucie inzwischen wegen seiner Feigheit. So wie
sie ihren Vater verachtete, der es bei der Dresdner Bank zu nichts
gebracht hatte. Herr Otto Klein ordnete bis zum heutigen Tag Wertpapiere
ein und prüfte die Kennnummern. Sein Herzinfarkt im letzten
Jahr hatte demgemäß bei Lucie weder Entsetzen noch
Mitgefühl ausgelöst, sondern nur den zynischen Kommentar:
"Dass einer, den ich eingearbeitet habe, hinterher mein Abteilungsleiter
wird, das wäre mir nicht passiert".
Otto
Klein war auch so ein Mann, der sich nichts traute. Die Frauen
herrschten in seiner Familie. Seit er in Pension war, ging er
jeden Tag in den Keller, wo er sich eine Hausbar eingerichtet
hatte und trank. Nur einmal war er in Erscheinung getreten. Als
Lucie sich ein Kostüm gekauft hatte, das knapp unter dem
Knie endete. "Da verstehst du nichts von", hatte Frau Klein
ihn beschieden und wieder in den Keller geschickt.

Seit
sechs Wochen war Erich Wesbächer nicht mehr in ihrem Appartement
am Alwin Mittasch Platz gewesen. Vielleicht hatte sie bis jetzt
gezögert, seine Bilder von der Wand zu nehmen. Jetzt würde
sie es bestimmt tun, nachdem er nicht eingegriffen hatte, um ihre
Schmach zu verhindern. Im Grunde nahm sich sein harmloses Konterfei
mit Schlips zwischen den ganzen Picasso und Van Gogh Kunstdrucken
ohnehin etwas merkwürdig aus. So deplaziert wie manche seiner
Kommentare im Museum, wenn sie ihn dann von der Seite anblickte
und sagte: "Du musst dich in Kunst hineinversetzen können.
Das ist eine ganz andere Welt. Dieses Bild hier ist abstrakt.
Da hat der Künstler das Gegenständliche ganz hinter
sich gelassen, verstehst du? Wenn einer Gegenstände darstellen
will, kann er doch gleich die Kamera nehmen".
In
solchen Augenblicken war es vorgekommen, dass er an die Existenz
eines anderen Mannes neben ihm glaubte. Wie kam eine Frau in ihrer
Position zu derartigem Wissen? All die anderen Büromiezen
kannten nur den Frühjahrskatalog von Quelle und interessierten
sich für Parfüms und Frisuren. Da konnte nur ein Mann
im Spiel sein, einer von der feingeistigen Sorte. Kunstlehrer
vielleicht, Studienrat an einem der Gymnasien, der würde
auch zu ihr passen. Besser als er selbst. Doch dann wäre
ihr Verhalten noch unvernünftiger. Ihn zu einem Schritt zu
nötigen, nach dem er überall unten durch war. Glaube
sie etwa, er könne sich nach einer Scheidung abends im Casino
mit ihr blicken lassen, Arm in Arm?
Er
an Lucies Stelle hätte den Studienrat genommen. Doch möglicherweise
war der ebenfalls verheiratet. Es musste einen Grund für
ihr Verhalten geben. Immerhin hatte er ihr Cabrio in die Werkstatt
gebracht und für die Reparatur der Waschmaschine gesorgt.
Er hatte ihr den ganzen Schmuck gekauft und sie brauchte sich
um keine Handwerkerrechnung zu kümmern.
Erich
Wesbächer merkte nicht, als plötzlich Kuchengabeln hinfielen
und die Gespräche abbrachen. Ein spitzer Schrei hing in der
Luft.

Der
Wind weht, wo er will und wirbelt welke Blätter vor sich
her. Lucies Schminkspiegel splitterte auf dem Zementboden. Ihre
Mutter hatte sie angeblickt. Die tiefe Rinne senkrecht auf der
Stirn, die Furchen zwischen Nasenwurzel und Mund, die Schatten
unter den Augen, umgeben von bleichem Erschrecken: "Das wirst
du bitter bereuen, Lucie", sprach die Mutter in ihrem schwarzen
Kostüm, "Du kannst das Leben nicht zwingen". Wie ein
Urteil waren die Worte auf sie gefallen, hatten die Beerdigung
der Großtante zu einem Menetekel gemacht, waren ihr mit
Rabenweisheit gefolgt, bis nach Rimini, beim letztenmal. Nur langsam
waren dort aus den Raben wieder Silbermöwen geworden.
"Lucie,
das ist ein Brillant ...du musst ihn gegen Licht halten".
Die
Tanzkapelle und der pomadige Kellner. Hell illuminierte Familienausflugsdampfer
legten an und spien Lärmendes aus, das roch nach Valpolicella
und Eiskrem, Mütter, die Kindermünder mit dem Taschentuch
malträtierten, "so würde ich das mit meinem Kind
mal nicht machen".
"Lucie,
das ist ein Brillant ... du musst ihn gegen Licht halten".
Ein
Lampenschirm, der auf den Fliesen zerscherbelte, "Eine Frau,
die muss Zigeunerblut in sich haben, verstehst du? Wenn eine so
stocksteif daliegt wie Marianne, da verfliegt mir alles".



Erichs
zitternde Hand, sein gelichtetes Haar, nichtmal durchs Fenster
kam ein Luftzug, wie Draht die Haare an seinen Beinen, "hol
doch mal ein Handtuch", sie hatte vergessen, die Tür abzusperren,
"Lucie,
das ist ein Brillant ... du musst ihn gegen Licht halten ..."
Sein
stoßweiser Atem, seine tierische Verrichtung, um derentwillen
er das alles in Kauf nahm, das Waschbecken im Zimmer, das Wasserglas,
die Aspirin zerfiel in Zeitlupe. Das Muschelgericht wahrscheinlich,
schweißnasses Festkleben an Laken und Kissen. Das roch unappetitlich
wie das Ausgespiene.
Die
feuchte Seeluft, man musste irgendwie wieder heimkommen, es war
ohnehin der letzte Tag. Überhaupt der letzte Tag. Dann flogen
Bäume und Buschreihen an ihr vorbei, Die Übelkeit war abgetaucht,
sie schwamm, sie flog in azurblauem Himmel, zwei Stunden zu früh,
aber vorher in jedem Fall die Bergstraße sehen. Sie wich
weiträumig den Kumuluswolken aus, der Wetterbericht hatte
örtliche Gewitter angekündigt, doch ansonsten vorwiegend
heiter, einige Turbulenzen über den Alpen, darauf war man
gefasst. Ruhig glitt das Cabrio dahin, kaum ein Flügelschlag,
die Aufwinde hielten, man konnte sich treiben lassen und die Welt
lag ihr noch einmal zu Füßen. Dann Rhein und Nebenflüsse,
Haufendörfer und ahnungslos träumende Städte, jetzt
der
Neckar. Sie beschrieb eine sanfte Kurve, Heidelberg, Schriesheim,
Heppenheim, hier ihr Eigenheim, der Garten. Von oben die Rosen
und Chrysanthemen, ein kleiner Goldfischteich, Wicken am Zaun,
nur für zwei. Alles in Ruhe. Kein schweißnasses Aneinanderkleben
und auf die Uhr schauen, "das wirst du bitter bereuen, Lucie".
Die
schwarzmumifizierte Mutter steht an ihrem eigenen Grab und steigt
hinab. Nimmt die kleine Schaufel und wirft sich Erde, Asche, Staub
aufs Haupt. "Das hätte man von seiner Tochter nicht
erwartet, seinem einzigen Kind". Sie ergreift den großen
Spaten, der bereitliegt und beginnt zu schaufeln, sie wird das
nicht schaffen, ganz allein, es ist völlig unmöglich,
sich selbst zu beerdigen. "Ich weiß schon, du willst
es mir einfach machen, ich kann es nicht. Ich kann es wirklich
nicht".
"Jeder
hat das Recht, mit seinem Leben zu machen, was er will", sie zuckt
mit den Schultern und setzt ihre Arbeit fort. Recht hat sie. Diesmal.
Früher hat sie anders geredet. Krächzend saßen
ihre Rabenreden noch auf Lucies Schulter und pickten sie ins Ohr:
nur Hexen tun das. Lassen kalten Samen in ihr schamloses Fleisch
fließen, erhitzen sich daran und nehmen, was ihnen vermeintlich
zusteht, es ist wider die Moral, man darf das Leben nicht zwingen.

"Alte
Schachtel ...", hörte Lucie sich sagen, dann zersplitterte
der Spiegel. Alles andere ging dann von allein.
Die
Stöckel weggetan, den Knirps aufgespannt, die Brüstung
war leicht zu erklimmen. Natürlich durfte man nicht nach
unten schauen, nur auf die Füße, die nun, einer vor
den anderen gesetzt, recht solide auf dem Eisen standen. "Ich
Sie sehe große Kiinstler in Manege, Sie werden brauchene
keine Netze, so siicher ist Fuß", mit spitzbübischem
Lächeln meldete sich Grappo. Nur er konnte den Mut herbeigezaubert
haben, etwas Außergewöhnliches zu tun. Etwas von Format,
das einen heraushob aus dem Ameisengewimmel da unten am Tor 2,
wo die Sirene gleich halb fünf blies. Etwas, das die Katastrophe,
wenn sie denn schon kommen musste, wenigstens auf stilvolle Weise
inszenierte. Das Zirkusorchester spielte einen Marsch, der Trommelwirbel
kündigte ein neues Kunststück an. Unten raunte und brummte
die Fabrik, stieß kleine und große, manchmal bunte
Wolken aus. Eine Möwenschar stieg vor ihr auf. Man hätte
jetzt mit großer Geste Futter werfen und sie beobachten können,
wie sie die Happen im Flug sich holen, Lucie war jetzt stark und
sichtbar. Drüben pendelte Grappo auf dem Trapez, kam mit
erhobenen Armen auf sie zu, entfernte sich wieder, kehrte zurück
in schlafwandlerischer Gleichförmigkeit. Beim nächsten,
übernächsten Mal musste sie springen, ihm in die Arme
springen, das erforderte äußerste Konzentration. Eine
Konzentration, die andere Möglichkeiten als das Aufgefangenwerden
nicht zuließ, ja völlig ausschloss.
Oft
hatte sie in den Nächten der vergangenen Monate das durchgespielt,
wenn die Hitzewallungen sie nicht schlafen ließen und beginnende
Krampfadern ihre Beine mit Nadeln spickten. Sie war immer nur
bis zu dem Augenblick gelangt, wo die Trommeln schwiegen, aber
nie zum grande finale. Sie war aufgewacht. Eine Rücksichtnahme,
wie sie Leuten eigen ist, die meinen, etwas verlieren zu können.
In Wirklichkeit konnte man nie etwas verlieren, weil die Dinge
ohnehin mit der Zeit verwehten. Es war alles eine Frage des Maßstabs.
Die meisten Leute suchten ihren Lebensinhalt mit der Lupe. Was
fand man da schon? Ein Haus? einen Mann? ein Kind? Das war doch
alles Illusion.
Wirklich
und groß war nur der Wind, den man spürte, der trug
und der die Dinge bewegte. Der Sturm, der Bäume ausriss und
Wogen peitschte, das Brausen im Weltgebäude, das plötzlich
umschlagen konnte in ein Säuseln verschwiegener Kräfte,
die dem Universum Wege, Ziel und Bahn wiesen. Es gab die Brise,
die stetig vorantrieb und die Bö, die einem in die Haare
griff und alles verwirrte. In allem aber ein Vorwärtsstürzen
der Dinge, die niemand aufhielt. Ein Treiben, welches auch die
Menschenleben mitriss, hoch ans Firmament, bevor alles abstürzte
ins Nichts.
Lucie
war nicht die Frau, die irgendwo in der Normandie mit dem Cabrio
Anlauf genommen und über eine Klippe gefahren wäre,
vielleicht mit einem Abschiedsbrief an Erich auf dem Herzen, das
wäre bloß ein Drama gewesen, kein Kunstwerk.

Roland
Wesbächer stocherte schläfrig in seinem Obstsalat, als
das Gerede um ihn herum verstummte. Er blickte in die großen
Augen seines Tischnachbarn, der ihm vorhin die Streichholztricks
gezeigt hatte, als die Langeweile über Tischdecke und Hände
gekrochen war. Die Augen starrten auf etwas hinter ihm. Plötzlich
war alles rund in diesem Hängebackengesicht. Dann wurde das
Gesicht von dem massigen Körper angehoben, auch die anderen
Leute erhoben sich wortlos, alle starrten mit den gleichen, fassungslosen
Augen auf einen Punkt, der hinter seinem Rücken lag. Da begriff
Roland, dass etwas Ungewöhnliches im Gang sein müsse.
Der Lauf der Dinge war unterbrochen.
Er
fuhr herum. Draußen, hinter den Scheiben, hob sich eine
Gestalt vom Himmel ab, die stand oben auf dem Geländer des
Umgangs. Auf dem Geländer, an dem er sich vor einer dreiviertel
Stunde festgeklammert hatte, als ihm vor dem Abgrund der Spielzeugautos
und Modellstraßenbahnen schwindlig geworden war. Mit der
Rechten hielt die Frau einen aufgespannten Regenschirm, die Linke
war ausgestreckt. Sicher und ohne Zögern setzte sie einen
Fuß vor den anderen, das Kleid flatterte um ihre Beine.
Die
Leute drinnen bewegten sich stumm, fast andächtig, zu den
Fenstern hin. Selbst die Bedienung ließ den Servierwagen
stehen und beobachtete das Kunststück auf Zehenspitzen. Roland
zwickte sich in den Arm, um sicherzugehen, dass er nicht träumte.
Doch dann sah er seine Mutter. Die Eltern waren als einzige sitzengeblieben
und starrten sich an.
"Bis
daß der Tod euch scheidet!", zischte die Mutter mit versteinertem
Gesicht. Ihre Augen flackerten. Da wusste Roland, daß er nicht
träumte.

Eine
Windbö fuhr in den Regenschirm und stülpte ihn herum,
die Frau versuchte ihn mit beiden Händen zu halten, wurde
unsicher, ihr Körper gab nach und schwankte. Da machten ihre
Füße einen größeren Schritt und sie stand
wieder sicher.
Roland
Wesbächer spürte, dass diese Frau da draußen nicht einfach
auf dem Geländer ging. Das war ein Tanzen. Ein leichtfüßiges
Dahinschweben in Grazie und Wechselschritt. Vielleicht war er
der Einzige, der das bemerkte, denn sie zeigte das nicht offen.
Doch in ihrem Schreiten lag eindeutig ein Rhythmus, ein beherrschtes
über sich Hinauswachsen in eine Melodie hinein, in einen
Takt und Harmonien. In eine Welt jenseits von Fensterscheiben
und Rahmenkonstruktionen. Was wie ein Straucheln ausgesehen hatte,
war in Wirklichkeit die Promenade gewesen. Ihre Gesten, die das
Gleichgewicht hielten, herrschten graziös über Wind
und Regenschauer. Was von drüben gegen die Scheiben fegte,
gehorchte dem Willen dieser Frau und diente ihrer schwerelosen
Erhebung über Raum und Zeit. "Der Sinn eines Frauenlebens
ist das Glücklichsein!", hatte irgendeiner im Fernsehen gesagt.
Es war in der Operette gewesen, "Der Vetter von Dinsda" oder
so ähnlich.
Die
Schiebetür rumpelte, als Männerstimmen knappe, entschlossene
Laute gaben. Ein kalter Hauch kam herein, zwei drei Gestalten
stürzten hinaus, griffen nach den Unterschenkeln und Füßen
der Frau und rissen sie grob vom Geländer herab. Es gab einen
kleinen Knall, als ihre Kniescheibe auf dem Eisen aufschlug. Eine
Männerhand, die brutal in Bauch und Kostümstoff grabschte,
verhinderte, dass sie zur falschen Seite hin von der Brüstung
fiel.
Roland
hielt nichts mehr auf seinem Stuhl. Nichtmal der gleichzeitige
Ruf beider Eltern. Zwischen Hosenbeinen und weichen Hüften
kämpfte er sich durch, da lag die Frau mit schmerzverzerrtem
Gesicht auf dem Boden, hielt sich Knie und Schulter, Tränen
liefen ihr durchs Makeup und bildeten kleine Furchen.
"Das
ist allerhand!" rief jemand, "unfassbar", tönte eine
Frauenstimme. Das wirkte als Erlösung. Die Menge begann wie
auf Kommando loszuschwatzen und wogte gestikulierend, kopfschüttelnd
durch den kleinen Saal zurück an die Tische. Zwei Männer
hoben die Frau vom Boden, stützten sie und setzten sie drinnen
auf einen Stuhl. Die Schiebetür wurde sorgsam verschlossen.
Worte wie: "Polizei", "Sanitäter", "Nervenheilanstalt",
drangen an Rolands Ohr, ein Herr mit grauen Schläfen telefonierte.
Ein
anderer erhob sich und fragte:
"Wer
will alles Kaffee?"

Ein
neuer Servierwagen, mit Kannen und Kuchen bestanden, wurde geschäftig
hereingeschoben. Man setzte laut und betont gutgelaunt die Unterhaltungen
fort. Ein Witz machte die Runde. Die Frau am Fenster sackte immer
mehr in sich zusammen, hielt den Kopf in beide Hände gestützt,
weinte nichtmal mehr. Sie wurde immer grauer und begann unaufhaltsam
mit dem Betonpfeiler hinter ihr zu verschmelzen. Verstohlene Blicke,
die einander begegneten, lösten sich sofort in verbindliches
Lächeln. Riesling wurde ausgeschenkt, wer wollte, konnte
auf Erich einen Cinzano trinken.
Roland
war der einzige, der nicht an den Tisch zurückgekehrt war.
Mund und Augen wollten sich nicht schließen. Draußen
riss die Wolkendecke auf und ließ ein Bündel Sonnenstrahlen
herab. Auf den Scheiben glitzerten die Regentropfen, im Gegenlicht
sah man nur noch Schatten um sich herum. Die Cafeteria mit ihrem
Lärm rückte weg, für Augenblicke stand er allein
ganz eingetaucht in eine Lichtwelt, der Himmel war um ihn, mit
Wolken Luft und Winden, seine Füße standen auf weiter
Bahn. Wieso war ihm das alles nie aufgefallen? Als die Sonne sich
in rotvioletten Kaskaden wieder zurückzog und das Licht verlosch,
blickte er plötzlich in das lächelnde Gesicht der Frau.
Sie war ganz an den Pfeiler gedrückt und in sich zurückgehalten,
aber hatte ihn wohl beobachtet. Roland erschrak, sie schüttelte
leicht den Kopf:
"Man
darf ... die Leute hier ... nicht so wichtig nehmen", flüsterte
sie, dass Roland es eben noch verstehen konnte. "die wissen
alle nichts mit ihrem Leben anzufangen".
"Wofür
ist man denn am Leben?"
"Für
die Schönheit von allem", antwortete sie und lächelte
wieder. "Und um frei zu sein. Lass' dir das von keinem ausreden".
Nach
einiger Zeit kamen Männer in weißen Uniformen. Der Größere,
Kräftige hatte eine Art Jacke mit ganz langen Ärmeln über
dem Arm geschlagen, an denen Bänder befestigt waren. Der
andere trug einen Rotkreuzkoffer. Sie beachteten jedoch das aufgeschlagene
Knie der Frau nicht, sondern redeten leise, gestenreich auf sie
ein, hoben sie dann vorsichtig hoch und schleppten sie zum Fahrstuhl.
Die
Gespräche liefen gedämpft weiter, man hielt die Augen
gesenkt und bemühte sich, nichts zu sehen, bis alles vorüber
war. Das letzte, was Roland von der Frau sah, war eine zerbrechliche,
zitternde Gestalt, die mit vornübergebeugtem, schleppendem
Gang über den Teppichboden schlich. Quietschend schloss die
Fahrstuhltür. Der Vater wischte sich mit einem großen
weißen Taschentuch über Gesicht und Nacken, die Mutter
prostete den blonden, gackernden Sekretärinnen zu. Draußen
auf der Brüstung saß eine Möwe, pickte und stocherte
sich im Gefieder herum und flog weiter.
Da
wusste Roland Wesbächer, dass er all diese Leute hasste.
Ende