Ob
das letzte Mal, als ich ihn sah, auch Himmelfahrt gewesen war?
Der Tag wurde ja auch "Vatertag" genannt. Ich stocherte zwischen
Sauerkraut und Knödeltrümmern, spießte Wachoderbeeren
auf die Gabel und fuhr durch Soßenpfützen. Bestimmt
war Vatertag. Ziemlich genau vor einem Jahr, da hatte er plötzlich
in der Zimmetür gestanden, mit der blauen Windjacke um die
Schultern und wir hatten schulfrei. Verschwommene Erinnerungen
ließen mich im Matrosenanzug einen Kahn steuern. Unter Trauerweiden
waren wir dahingeglitten, mit Brotkrumen gefütterte Schwäne
waren ganz dicht herangekommen und der Vater hatte einem, der
frech die Futtertüte stehlen wollte, mit dem Paddel gedroht.
Auf
der Seeterrasse war mir der Eisbecher umgefallen, ohne dass Geschrei
und Zetern mich vom Stuhl gefegt hatten. Bald darauf, im letzten
Sommer, war er dann zum Himmel gefahren. Allerdings nicht ganz
sündlos - im Gegensatz zum Herrn Jesus Christus. Der Vater
war mit seinem 20 Tonner auf abschüssiger Straße zu
schnell geworden und ist in der Kurve gegen ein Haus geprallt.
Durchs Wohnzimmer ist er gefahren, in die Küche hinein und
hat einen Mann, der auf dem Sofa lag und ein neun jähriges
Mädchen gleich mit "hinauf" genommen. Da konnte man
verstehen, dass der Herr im Himmel ein Hühnchen mit ihm zu
rupfen hatte, zumal er betrunken gewesen war. Einem Herrn Jesus
wäre so etwas nicht passiert. Oder ich besaß nicht
genug Phantasie, mir einen, der immer die Augen zum Himmel aufschlug
und sich dabei mit der rechten Hand an die Brust fasste, mit der
Schnapsflasche vorzustellen.
Doch
welche Rolle spielte das? Wenn der Herr Jesus, der nichts angestellt
hatte, jetzt im selben Himmel weilte wie der Vater , der viel
angestellt hatte in seinen 33 Jahren, war doch egal, ob man die
zehn Gebote immer befolgte oder nicht. Und das insbesondere an
einem Tag, wo der Himmel offenstand und der liebe Gott wahrscheinlich
sowieso zwei Augen zudrückte. Denn heute, hatte Fräulein
Schrader gesagt, sei ja ein schöner Tag. Und an einem schönen
Tag, wo der Himmel offen stand, konnte folglich nichts verboten
sein, was schön war und Spaß machte.

Es
war einmal ein Gasthaus, das stand im Odenwald. Und da saßen
Männer drin, die machten Politik, während ein Knabe
dabeisaß, der hatte keinen Vater am Vatertag. Der wollte
wissen, wie es sich verhielt mit den Vätern im Himmel und
auf Erden. Noch bevor die Teller abgeräumt waren, schlich
ich mich davon, an der Holzvertäfelung entlang, eine Treppe
hinunter, durch einen stickigen Korridor, wo es nach Toilette
stank. Dann folgte ich dem damit vermischten Geruch der Küche.
Dem Klappern von Porzellan und Gusseisen nach, durch eine Schwingtür.
Schon stand ich mitten im Dunst. Vor mir ein riesiger Herd, auf
dessen Platte es aus Töpfen und Pfannen brodelte, an den
Wänden offene Schränke, Stapel von Tellern und Tassen
auf der Anrichte links, wo eine riesige Spüle in die Wand
eingelassen war. Zwei Köche flitzten umher, richteten da
einen Salat in der Schüssel an, drehten dort ein brutzelndes
Schnitzel im Fett, luden nebenbei einen Teller voll mit Sauerkraut.
Sie bemerkten mich nicht, als ich nach rechts, an einem Regal
voller Mayonnaiseeimer und Gebinden mit Fertigsoßen vorbei
in einen abgedunkelten Nebenraum schlich, wo auf dem Boden Häfen
und breite Tiegel standen neben Säcken mit Nudeln und Mehl.
Aus irgendeinem Grund hatte jemand einen Topf duftender Hühnersuppe
mit Eiermuscheln hier abgestellt. Vielleicht war sie vorgekocht
worden und hatte im Weg gestanden. Jedenfalls - ich spürte
ich im gleichen Augenblick das Bedürfnis, meine Blase zu
erleichtern, denn die zwei Flaschen Bluna und die drei Schlückchen
Bier beim Opa taten ihre Wirkung. Bier treibt und die Köche
waren viel zu beschäftigt. Die Suppe war eh so gelb schon
wie Kuhseich, der Topf hatte die Farbe von Herrn Schlickels Gamaschen
und obenauf schwammen eiermuschelförmige Hirschhornknöpfe.
Der Raum hatte eine Tür nach draußen in den Garten,
und ich hatte wahrhaftig seit Wochen nichts mehr angestellt.
Schade,
daß die Angstlust der Sünde nur so kurz anhält. Als
ich gleich darauf mit klopfendem Herzen im Garten stand, hatte
mir die Reue schon wieder eine Falle gestellt, ich sah meinen
Vater im Himmel mit den Engeln zanken, doch er konnte selber kaum
das Lachen halten. Das machte mich wütend.
Ich
besah den Schuppen, der mit trockenem Feuerholz bis unters Dach
angefüllt war. Er roch würzig nach Wald und Baumharz.
Doch ich hatte keine Streichhölzer dabei, und es hatte keinen
Zweck, in der Gaststube welche zu holen. Man hätte mich nicht
mehr herausgelassen. So kehrte ich nach einiger Zeit nahezu unverrichteter
Dinge zurück, indem ich mit der neuen Hose die Hangmauer
vom Garten zur Straße hinunterrutschte. Die Bruchsteine
und Flechten hinterließen eine rotbraun-grüne Spur
auf dem Stoff. Die Erwachsenen quittierten mein Auftauchen mit
Erleichterung. Es gab sogar noch ein Eis, dann wurde bezahlt.
Als wir das Lokal verließen, wurde gerade ein Tablett mit
vier Tellern duftender Eiermuschelsuppe durch den Gastraum balanciert.
Ich passte auf, daß ich mit der Kellnerin nicht zusammenstieß.

Damals
war man auf Eisenbahn und Bus angewiesen. An der Haltestelle drängte
sich eine bunte Schar, welche sich die Zeit mit kreuz und quer
ausgetauschten Bemerkungen und Witzchen zu vertreiben wusste.
Zum Glück galt heute ein Vatertagsfahrplan mit vielen Verbindungen
zu einschlägigen Lokalitäten, sodass es nicht allzu
lange dauerte, bis wir im Dieselgestank eines Sonderfahrzeugs
hockten, das uns dem Höhepunkt des Tages entgegenschaukelte.
"Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen" wurde
gesungen, und dann: "Wir kommen alle alle alle in den Himmel,
weil wir so brav sind, weil wir so brav sind".
Zwei
Sitzreihen vor uns tauchte plötzlich eine Fußballfahne auf:
"Wie
hawwen dann die Kaiserslauterer gspielt?"
"Drei,
drei in Köln. Des war nix. Seit die den neie Trainer hawwe,
laafts nimmi".
"Ich
glaab, des liegt an dere neie Bundesliga"
Draußen
bogen sich die Bäume im Wind, der Himmel hatte sich plötzlich
hinter einen graublauen Vorhang verzogen. Als erste Regentropfen
die Scheiben peitschten, tat dies der Stimmung im Bus noch keinen
Abbruch. Blitze flackerten auf, der Donner kam weder gegen das
Motordröhnen, noch gegen den Gesang an. Kleine Windböen
rüttelten an den Scheiben.
Urplötzlich
jedoch kippte das Stimmengewirr: Aggressives Schreien, ein scharfes
Schlaggeräusch, drei, viermal, vor mir tanzte ein Knirps
durch die Luft, sauste erneut auf einen schwarzen Haarschopf nieder.
Zwei Freunde des Verprügelten fuhren hoch und drehten sich
mit stumpfen Glotzaugen nach hinten, ohne den Schläger zu
hindern.
"Beim
Adolf hetten se eich an die Wand gstellt!" brüllte der ...
"Lumpezeich, Faulenzer!"
Die
Frau des Schlägers, eine korpulente Endfünfzigerin im
Sommerkostüm, fiel ihm in den Arm: "Loss doch geh, Herrmann!
Du regscht dich widder uff! Ich hab die Herztroppe net debei".
"Sauerei",
brüllten die Glotzaugen jetzt zeitverzögert, versuchten
mit hoch aufgereckten Armen den "Herrmann" zu packen, verfehlten
ihn aber wegen eines Schlaglochs, das die Insassen des Fahrzeugs
wie im Würfelbecher durcheinander schüttelte.
"Do
laaft die Brie", brüllten jetzt andere. "Iwwerall die
rot Soß, pfuideiwel!"
Doch
der Herrmann hatte ebenfalls Freunde, die sich nun mit blechernem
Altmännerbariton einmischten. Einer packte den erstbesten
Volltrunkenen am Kragen, ein anderer versuchte mit dem Spazierstock
zu sekundieren, fiel jedoch wegen einer Schienenüberquerung
der Länge nach zwischen die Sitzreihen. So kam also der Höhepunkt
des Tages: Schirme, Strohhüte, Fäuste flogen herum,
unter Brüllen, Kreischen und Zetern warf sich ein Teil der
Busbesatzung nun selbsttätig über Sitz und Bänke.
Auch wenn die Mehrzahl beunruhigt murmelnd die Köpfe einzog,
schaukelte sich's auf holpriger Fahrbahn zu einer beschwingten
Krawallpolka hoch, dass ein Fernstehender uns für einen schunkelnden
Karnevalsverein hätte halten können. Dabei hatte bloß
einer die Fussballfahne etwas zu weit von sich weggehalten.
Die
Großeltern zogen mich auf den Sitz hinunter, ich solle so
etwas nicht sehen. Dabei erinnerten mich die wutverzerrten Gesichter
und das weite Ausholen mit den Fäusten ohne gezielte Ausführung
an die Dick und Doof Filme. Da mir bei dieser Vorstellung eindeutig
die Sahnetorten fehlten, packte ich unbesehen das letzte Leberwurstbrot
aus und warf zuerst das Oberteil, dann das untere, mit der beschmierten
Seite voran ins Kampfgetümmel. Doch bevor die Butterseite
auch nur ihr Ziel erreichte, sah ich schon Sterne. Die harte großmütterliche
Rechte schallerte auf meiner linken Backe, daß ich zwischen Rückenlehne
und Aschenbecher abtauchte.
"Willscht
emol werre wie dein Vadder?"
Das
wurde mir oft entgegengehalten, wenn ich nicht parierte.

Am
Ende hockten alle schnaufend dumpf auf ihren Sitzen, schimpften
und grummelten vor sich hin, strichen sich fahrig über Schultern
und zerrissene Hemdsärmel, als gelte es, den Staub von Arizona
abzuwischen. Dass die Jungen wieder einmal drauf bekamen und überdies
an allem schuld sein sollten, ließ mich für die jüngeren
im Bus Partei ergreifen. Als ob das Lustigsein eine Provokation
darstellte für jene, die immer noch vor Moskau lagen und
um Stalingrad kämpften. Auch mein Vater hatte nichts dafür
gekonnt, daß die Russen Berlin erobert hatten, er war von der
HJ direkt an die Front geschickt worden und wäre am Ende
beinahe hopps gegangen, weil den 17jährigen schnell noch
Gewehre in die Hand gedrückt worden waren.
Ja,
eigentlich wollte ich werden wie mein Vater, der Motorradrennen
gefahren und sich nichts von seinen Eltern hatte sagen lassen,
der am Vatertag mit einem Strohhut lustig war und sich vor nichts
gefürchtete hatte. Mit seiner Himmelfahrt konnte man überhaupt
nicht einverstanden sein, dazu war er weder fromm, noch böse
genug gewesen. Davon war ich überzeugt. Wenig später
langten wir in Hirschhorn an.
Ob
Polizei geholt werden solle oder nicht, wurde im Bus erregt debattiert,
während wir ausstiegen und uns zur Schiffsanlagestelle begaben.
Der Gewitterguss hatte aufgehört, das Land strahlte unter
einer frisch geputzten Sonne und aus einem Lautsprecher tönte
"Arrividerci Roma".

Der
Ausflugsdampfer hatte zwei Stockwerke. Über einen Ponton gelangte
man zunächst ins Untergeschoss, wo ich durch große
Fenster hindurch den grünlich schimmernden Neckar vorbei
fließen sah. Da alles knapp über der Wasserlinie lag,
sah es aus, als schwanke das Schiff in der Art so mancher Vatertagsausflügler
und sei eben dabei, sich in den Fluss hinein zu neigen. Innen
war alles wie ein Wirtshaus eingerichtet, es gab heute gar nichts
anderes. Am Buffet drängten sich auch schon die Männer,
während Frauen mit Kindern an den Tischen saßen und
mit kleinen Gabeln auf Kuchenstücke zielten. Wir stiegen
eine schmale Treppe empor. Vor uns lag die kleine Stadt mit ihren
steilen Giebeln und rotbraunen steilen Giebeln
und rotbraunen Bruchsteinmauern, das gegenüberliegende Ufer
war von Pappeln gesäumt. Da war die Staustufe, die wir hinunter
mussten. Als das Schiff endlich mit stärkerem Schwanken und
qualmendem Schornstein ablegte, stieg meine Spannung. In der Schleuse
hoben sich bemooste Mauern an den Fenstern empor, schwarze Eisentore
tauchten bedrohlich aus der Flut, während der Matrose, der
am Kai stand, nun über unseren Köpfen schwebte. In der
einen Hand hielt er lässig die Zigarette, in der anderen
aber einen Strick, als wolle er uns damit in die Unterwelt abseilen.
Aber das war nur für einen Augenblick.
Ruhig
zog danach das Uferband vorbei; Felder, Buschreihen und Wald.
Hier winkte eine Radfahrerin, dort begegnete uns ein Zug. Alles
wirkte aufgereiht wie an Tante Minas Halskette. Die dampfende
Nachmittagshitze drückte auf den Kopf.
Gähnend
ging ich unter Deck. Frau Schlickel stopfte ein großes Stück
Schwarzwälder Torte in sich hinein; die Großmutter
hatte ein Kännchen Kaffee Hag vor sich stehen und bekam gedeckten
Apfelkuchen serviert.
"Männer
trinken Bier", stellte Herr Schlickel fest und verstand dies als
Bestellung gegenüber der Kellnerin. Ich hatte keinen Appetit.
Da half auch die unvermeidliche Aufforderung der Großmutter nichts.
Ihr "Bub, ess, dass'd was werscht" ging mir auf die Nerven.
Sie war von der ständigen Angst besessen, es könne einmal
eine Zeit zurückkehren, wo man frühmorgens wieder mit
dem Fahrrad los musste, ein Paar Tischdecken und vielleicht das
gute Besteck aus dem Speisezimmer im Korb versteckt, um bei den
Bauern etwas zum Essen dafür einzutauschen. Da schien es
gut, wenn man für alle Fälle etwas "zuzusetzen"
hatte. Die Kinder im Krieg waren wie die Fliegen gestorben. Damit
ich auch an diesem Tag nicht unter die Hungerleider fiel, durfte
ich ab und an wieder am bitteren Bier nippen, was ich diesmal
ausgiebiger tat. Irgendwie machte mich das Bier aber nicht lustig.
Ich suchte trübsinnig auf der Resopalplatte des Tischchens
nach Fossilien, weil sie aussah wie die Fensterbänke in der
Schule. Ob ich auch schuld daran war, dass mein Vater so liederlich
geworden ist? Es hieß ja, Kinder wären eine große Belastung
und am besten bekäme man überhaupt keine in diesen Zeiten.
Oft sprachen die Erwachsenen von "Verrecklingen" und von
Mühlsteinen, die einem am Hals hingen. Vielleicht war irgend
etwas von vornherein nicht richtig mit mir. Doch davon verstand
ich zu wenig.

"Im
Grunde leben wir schon jetzt im Himmel", hatte Fräulein Schrader
gesagt. Der Himmel finge nämlich direkt über der Erdoberfläche
an. Und da wir unbestreitbar über die Erdoberfläche
hinausragten, wie die Bäume, Tiere und Häuser, wären
wir im Grunde jetzt schon im Himmel. Darum komme es auch sehr
darauf an, wie wir uns benähmen. Karlheinz hatte sich daraufhin
gemeldet und gefragt, ob denn im schönen Himmel auch das
Rauchen verboten sei und Fräulein Schraders Antwort, dass
ein vernünftiger Mensch solche Fragen gar nicht stelle, war
unbefriedigend ausgefallen. Zumal Günther, der auf dem Hemshof
wohnte, ein paar Tage zuvor mit einer Schachtel Reval in die Schule
gekommen war. Drei ganz Verwegene hatten sich daraufhin während
der Pause in den kleinen Park abgesetzt und mit ihm eine "geblotzt".
Seitdem wurden wir anderen von denen als "Affenärsche"
bezeichnet. Ich fragte mich seitdem: Wenn der Glaube alles verbot,
was spannend war, wozu war er dann gut? Ich selbst konnte mich
zwar über Fräulein Schrader nicht beschweren, weil ich
die Verslein immer auswendig konnte und dafür gelegentlich
ein Belobigung einheimste in Form eines Bildchens, wo der Herr
Jesus zum Himmel schaute und sich mit der rechten Hand ans Herz
griff. Trotzdem wurden mir die ganzen himmlischen Gesetze immer
geheimnisvoller, ja sie riefen meinen Widerstand hervor. Zumindest
heute, am Vatertag, wo die Gebote einmal weniger galten, wollte
ich Ersatz und erreichte, dass ich beim Großvater am Zigarillo
ziehen durfte. Es schmeckte, wie wenn einem glühende Kohle
in den Mund gestopft wird.
Mit
beträchtlichem Getöse manövrierte sich unser Dampfer
in die nächste Schleuse hinein. Ich stand auf und erkundete
das Schiff im Heckbereich, wo man jetzt wieder die Schleusentore
aus dem Wasser wachsen sah. Weil sie nicht ganz dicht waren, ergossen
sich spritzende Wasserfälle zu uns herab in die Kammer. Wenn
ein solches Tor plötzlich aufging, würde sich eine Sintflut
über uns ergießen, und unsere Arche würde sich
in den Schleusenwänden verkeilen so daß wir alle ersaufen
müssten. Vielleicht aber auch nicht.
Dumpf
tutete die Schiffssirene, der aufquellende Strudel hinter dem
Schiff zeigte, wo die Schraube jetzt den Dampfer aus der Schleuse
heraus flussabwärts schob. Es war schön und aufregend,
die bewegten Wassermassen zu betrachten. Eine Urgewalt schien
sich in dem kochenden Strudel auszutoben. Wozu es das alles gab?
den Strudel, das Gewitter, die Schiffs- und Flugzeugunglücke,
die Kreuzigungen und rasenden Lastwagen, die Schlägereien
am Vatertag, den Herrn Schlickel, den Hitler und den Krieg ? Es
wurde mir alles immer verschwommener, je länger ich da ins
Wasser blickte. Vielleicht gab es einen Bereich unsichtbarer Engel
zwischen den oberen und unteren Stockwerken des Himmels ... Da
wurden die Menschen wie Marionetten an seidenen Fäden gehalten.
Manchmal zupfte ein Engel an der Strippe und dem Betreffenden
rutschte eine Hand aus, oder er vergriff sich an der jüngeren
Schwester. Oder er fing eben mal einen Krieg an und plötzlich
lagen ganz viele im Schlamassel. Vielleicht war es sogar der Fall,
dass der Himmel an seinem unteren Rand Abstellkammern und Kellergewölbe
hatte, Klos und Abflußrohre. Warum sollte dort oben alles anders
sein als bei uns, wo wir ja den Anfang bildeten. Wir, die Ratten,
die Himmelsratten und Kellerasseln im Engelsbau. Bei uns käme
alles an, was oben nicht mehr gebraucht und weggeworfen wurde.
Alles ergoss sich über uns, es floss und faulte, wir ernährten
uns vom himmlischen Unrat und gaben ihn weiter an die Hölle.
Und wahrscheinlich wurde mancher der nicht aufpasste, in den Höllenschlund
mit hinuntergespült. Die Welt begann sich zu drehen. Ich
fand keinen Halt mehr, auch wenn ich den Blick jetzt tapfer aufs
Ufer richtete und auf die Wolken, die friedlich und unbeteiligt
wie immer ihre Bahnen zogen.
Man
solle sich benehmen, als sei man schon im Himmel. Doch Kopf und
Bauch taten mir so weh, daß ich mich in keiner Weise mehr benehmen
konnte. Ich kotzte in hohem Bogen die Leberknödel und alles,
was ich gegessen hatte in den Neckar. Vielleicht sogar noch ein
wenig mehr. Alles drehte sich und beschleunigte meine Höllenfahrt.
weiter
...