(Teil 2)

 

Ob das letzte Mal, als ich ihn sah, auch Himmelfahrt gewesen war? Der Tag wurde ja auch "Vatertag" genannt. Ich stocherte zwischen Sauerkraut und Knödeltrümmern, spießte Wachoderbeeren auf die Gabel und fuhr durch Soßenpfützen. Bestimmt war Vatertag. Ziemlich genau vor einem Jahr, da hatte er plötzlich in der Zimmetür gestanden, mit der blauen Windjacke um die Schultern und wir hatten schulfrei. Verschwommene Erinnerungen ließen mich im Matrosenanzug einen Kahn steuern. Unter Trauerweiden waren wir dahingeglitten, mit Brotkrumen gefütterte Schwäne waren ganz dicht herangekommen und der Vater hatte einem, der frech die Futtertüte stehlen wollte, mit dem Paddel gedroht.

Auf der Seeterrasse war mir der Eisbecher umgefallen, ohne dass Geschrei und Zetern mich vom Stuhl gefegt hatten. Bald darauf, im letzten Sommer, war er dann zum Himmel gefahren. Allerdings nicht ganz sündlos - im Gegensatz zum Herrn Jesus Christus. Der Vater war mit seinem 20 Tonner auf abschüssiger Straße zu schnell geworden und ist in der Kurve gegen ein Haus geprallt. Durchs Wohnzimmer ist er gefahren, in die Küche hinein und hat einen Mann, der auf dem Sofa lag und ein neun jähriges Mädchen gleich mit "hinauf" genommen. Da konnte man verstehen, dass der Herr im Himmel ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte, zumal er betrunken gewesen war. Einem Herrn Jesus wäre so etwas nicht passiert. Oder ich besaß nicht genug Phantasie, mir einen, der immer die Augen zum Himmel aufschlug und sich dabei mit der rechten Hand an die Brust fasste, mit der Schnapsflasche vorzustellen.

Doch welche Rolle spielte das? Wenn der Herr Jesus, der nichts angestellt hatte, jetzt im selben Himmel weilte wie der Vater , der viel angestellt hatte in seinen 33 Jahren, war doch egal, ob man die zehn Gebote immer befolgte oder nicht. Und das insbesondere an einem Tag, wo der Himmel offenstand und der liebe Gott wahrscheinlich sowieso zwei Augen zudrückte. Denn heute, hatte Fräulein Schrader gesagt, sei ja ein schöner Tag. Und an einem schönen Tag, wo der Himmel offen stand, konnte folglich nichts verboten sein, was schön war und Spaß machte.

Es war einmal ein Gasthaus, das stand im Odenwald. Und da saßen Männer drin, die machten Politik, während ein Knabe dabeisaß, der hatte keinen Vater am Vatertag. Der wollte wissen, wie es sich verhielt mit den Vätern im Himmel und auf Erden. Noch bevor die Teller abgeräumt waren, schlich ich mich davon, an der Holzvertäfelung entlang, eine Treppe hinunter, durch einen stickigen Korridor, wo es nach Toilette stank. Dann folgte ich dem damit vermischten Geruch der Küche. Dem Klappern von Porzellan und Gusseisen nach, durch eine Schwingtür. Schon stand ich mitten im Dunst. Vor mir ein riesiger Herd, auf dessen Platte es aus Töpfen und Pfannen brodelte, an den Wänden offene Schränke, Stapel von Tellern und Tassen auf der Anrichte links, wo eine riesige Spüle in die Wand eingelassen war. Zwei Köche flitzten umher, richteten da einen Salat in der Schüssel an, drehten dort ein brutzelndes Schnitzel im Fett, luden nebenbei einen Teller voll mit Sauerkraut. Sie bemerkten mich nicht, als ich nach rechts, an einem Regal voller Mayonnaiseeimer und Gebinden mit Fertigsoßen vorbei in einen abgedunkelten Nebenraum schlich, wo auf dem Boden Häfen und breite Tiegel standen neben Säcken mit Nudeln und Mehl. Aus irgendeinem Grund hatte jemand einen Topf duftender Hühnersuppe mit Eiermuscheln hier abgestellt. Vielleicht war sie vorgekocht worden und hatte im Weg gestanden. Jedenfalls - ich spürte ich im gleichen Augenblick das Bedürfnis, meine Blase zu erleichtern, denn die zwei Flaschen Bluna und die drei Schlückchen Bier beim Opa taten ihre Wirkung. Bier treibt und die Köche waren viel zu beschäftigt. Die Suppe war eh so gelb schon wie Kuhseich, der Topf hatte die Farbe von Herrn Schlickels Gamaschen und obenauf schwammen eiermuschelförmige Hirschhornknöpfe. Der Raum hatte eine Tür nach draußen in den Garten, und ich hatte wahrhaftig seit Wochen nichts mehr angestellt.

Schade, daß die Angstlust der Sünde nur so kurz anhält. Als ich gleich darauf mit klopfendem Herzen im Garten stand, hatte mir die Reue schon wieder eine Falle gestellt, ich sah meinen Vater im Himmel mit den Engeln zanken, doch er konnte selber kaum das Lachen halten. Das machte mich wütend.

Ich besah den Schuppen, der mit trockenem Feuerholz bis unters Dach angefüllt war. Er roch würzig nach Wald und Baumharz. Doch ich hatte keine Streichhölzer dabei, und es hatte keinen Zweck, in der Gaststube welche zu holen. Man hätte mich nicht mehr herausgelassen. So kehrte ich nach einiger Zeit nahezu unverrichteter Dinge zurück, indem ich mit der neuen Hose die Hangmauer vom Garten zur Straße hinunterrutschte. Die Bruchsteine und Flechten hinterließen eine rotbraun-grüne Spur auf dem Stoff. Die Erwachsenen quittierten mein Auftauchen mit Erleichterung. Es gab sogar noch ein Eis, dann wurde bezahlt. Als wir das Lokal verließen, wurde gerade ein Tablett mit vier Tellern duftender Eiermuschelsuppe durch den Gastraum balanciert. Ich passte auf, daß ich mit der Kellnerin nicht zusammenstieß.

Damals war man auf Eisenbahn und Bus angewiesen. An der Haltestelle drängte sich eine bunte Schar, welche sich die Zeit mit kreuz und quer ausgetauschten Bemerkungen und Witzchen zu vertreiben wusste. Zum Glück galt heute ein Vatertagsfahrplan mit vielen Verbindungen zu einschlägigen Lokalitäten, sodass es nicht allzu lange dauerte, bis wir im Dieselgestank eines Sonderfahrzeugs hockten, das uns dem Höhepunkt des Tages entgegenschaukelte. "Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen" wurde gesungen, und dann: "Wir kommen alle alle alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind".

Zwei Sitzreihen vor uns tauchte plötzlich eine Fußballfahne auf:

"Wie hawwen dann die Kaiserslauterer gspielt?"

"Drei, drei in Köln. Des war nix. Seit die den neie Trainer hawwe, laafts nimmi".

"Ich glaab, des liegt an dere neie Bundesliga"

Draußen bogen sich die Bäume im Wind, der Himmel hatte sich plötzlich hinter einen graublauen Vorhang verzogen. Als erste Regentropfen die Scheiben peitschten, tat dies der Stimmung im Bus noch keinen Abbruch. Blitze flackerten auf, der Donner kam weder gegen das Motordröhnen, noch gegen den Gesang an. Kleine Windböen rüttelten an den Scheiben.

Urplötzlich jedoch kippte das Stimmengewirr: Aggressives Schreien, ein scharfes Schlaggeräusch, drei, viermal, vor mir tanzte ein Knirps durch die Luft, sauste erneut auf einen schwarzen Haarschopf nieder. Zwei Freunde des Verprügelten fuhren hoch und drehten sich mit stumpfen Glotzaugen nach hinten, ohne den Schläger zu hindern.

"Beim Adolf hetten se eich an die Wand gstellt!" brüllte der ... "Lumpezeich, Faulenzer!"

Die Frau des Schlägers, eine korpulente Endfünfzigerin im Sommerkostüm, fiel ihm in den Arm: "Loss doch geh, Herrmann! Du regscht dich widder uff! Ich hab die Herztroppe net debei".

"Sauerei", brüllten die Glotzaugen jetzt zeitverzögert, versuchten mit hoch aufgereckten Armen den "Herrmann" zu packen, verfehlten ihn aber wegen eines Schlaglochs, das die Insassen des Fahrzeugs wie im Würfelbecher durcheinander schüttelte.

"Do laaft die Brie", brüllten jetzt andere. "Iwwerall die rot Soß, pfuideiwel!"

Doch der Herrmann hatte ebenfalls Freunde, die sich nun mit blechernem Altmännerbariton einmischten. Einer packte den erstbesten Volltrunkenen am Kragen, ein anderer versuchte mit dem Spazierstock zu sekundieren, fiel jedoch wegen einer Schienenüberquerung der Länge nach zwischen die Sitzreihen. So kam also der Höhepunkt des Tages: Schirme, Strohhüte, Fäuste flogen herum, unter Brüllen, Kreischen und Zetern warf sich ein Teil der Busbesatzung nun selbsttätig über Sitz und Bänke. Auch wenn die Mehrzahl beunruhigt murmelnd die Köpfe einzog, schaukelte sich's auf holpriger Fahrbahn zu einer beschwingten Krawallpolka hoch, dass ein Fernstehender uns für einen schunkelnden Karnevalsverein hätte halten können. Dabei hatte bloß einer die Fussballfahne etwas zu weit von sich weggehalten.

Die Großeltern zogen mich auf den Sitz hinunter, ich solle so etwas nicht sehen. Dabei erinnerten mich die wutverzerrten Gesichter und das weite Ausholen mit den Fäusten ohne gezielte Ausführung an die Dick und Doof Filme. Da mir bei dieser Vorstellung eindeutig die Sahnetorten fehlten, packte ich unbesehen das letzte Leberwurstbrot aus und warf zuerst das Oberteil, dann das untere, mit der beschmierten Seite voran ins Kampfgetümmel. Doch bevor die Butterseite auch nur ihr Ziel erreichte, sah ich schon Sterne. Die harte großmütterliche Rechte schallerte auf meiner linken Backe, daß ich zwischen Rückenlehne und Aschenbecher abtauchte.

"Willscht emol werre wie dein Vadder?"

Das wurde mir oft entgegengehalten, wenn ich nicht parierte.

Am Ende hockten alle schnaufend dumpf auf ihren Sitzen, schimpften und grummelten vor sich hin, strichen sich fahrig über Schultern und zerrissene Hemdsärmel, als gelte es, den Staub von Arizona abzuwischen. Dass die Jungen wieder einmal drauf bekamen und überdies an allem schuld sein sollten, ließ mich für die jüngeren im Bus Partei ergreifen. Als ob das Lustigsein eine Provokation darstellte für jene, die immer noch vor Moskau lagen und um Stalingrad kämpften. Auch mein Vater hatte nichts dafür gekonnt, daß die Russen Berlin erobert hatten, er war von der HJ direkt an die Front geschickt worden und wäre am Ende beinahe hopps gegangen, weil den 17jährigen schnell noch Gewehre in die Hand gedrückt worden waren.

Ja, eigentlich wollte ich werden wie mein Vater, der Motorradrennen gefahren und sich nichts von seinen Eltern hatte sagen lassen, der am Vatertag mit einem Strohhut lustig war und sich vor nichts gefürchtete hatte. Mit seiner Himmelfahrt konnte man überhaupt nicht einverstanden sein, dazu war er weder fromm, noch böse genug gewesen. Davon war ich überzeugt. Wenig später langten wir in Hirschhorn an.

Ob Polizei geholt werden solle oder nicht, wurde im Bus erregt debattiert, während wir ausstiegen und uns zur Schiffsanlagestelle begaben. Der Gewitterguss hatte aufgehört, das Land strahlte unter einer frisch geputzten Sonne und aus einem Lautsprecher tönte "Arrividerci Roma".

Der Ausflugsdampfer hatte zwei Stockwerke. Über einen Ponton gelangte man zunächst ins Untergeschoss, wo ich durch große Fenster hindurch den grünlich schimmernden Neckar vorbei fließen sah. Da alles knapp über der Wasserlinie lag, sah es aus, als schwanke das Schiff in der Art so mancher Vatertagsausflügler und sei eben dabei, sich in den Fluss hinein zu neigen. Innen war alles wie ein Wirtshaus eingerichtet, es gab heute gar nichts anderes. Am Buffet drängten sich auch schon die Männer, während Frauen mit Kindern an den Tischen saßen und mit kleinen Gabeln auf Kuchenstücke zielten. Wir stiegen eine schmale Treppe empor. Vor uns lag die kleine Stadt mit ihren steilen Giebeln und rotbraunen steilen Giebeln und rotbraunen Bruchsteinmauern, das gegenüberliegende Ufer war von Pappeln gesäumt. Da war die Staustufe, die wir hinunter mussten. Als das Schiff endlich mit stärkerem Schwanken und qualmendem Schornstein ablegte, stieg meine Spannung. In der Schleuse hoben sich bemooste Mauern an den Fenstern empor, schwarze Eisentore tauchten bedrohlich aus der Flut, während der Matrose, der am Kai stand, nun über unseren Köpfen schwebte. In der einen Hand hielt er lässig die Zigarette, in der anderen aber einen Strick, als wolle er uns damit in die Unterwelt abseilen. Aber das war nur für einen Augenblick.

Ruhig zog danach das Uferband vorbei; Felder, Buschreihen und Wald. Hier winkte eine Radfahrerin, dort begegnete uns ein Zug. Alles wirkte aufgereiht wie an Tante Minas Halskette. Die dampfende Nachmittagshitze drückte auf den Kopf.

Gähnend ging ich unter Deck. Frau Schlickel stopfte ein großes Stück Schwarzwälder Torte in sich hinein; die Großmutter hatte ein Kännchen Kaffee Hag vor sich stehen und bekam gedeckten Apfelkuchen serviert.

"Männer trinken Bier", stellte Herr Schlickel fest und verstand dies als Bestellung gegenüber der Kellnerin. Ich hatte keinen Appetit. Da half auch die unvermeidliche Aufforderung der Großmutter nichts. Ihr "Bub, ess, dass'd was werscht" ging mir auf die Nerven. Sie war von der ständigen Angst besessen, es könne einmal eine Zeit zurückkehren, wo man frühmorgens wieder mit dem Fahrrad los musste, ein Paar Tischdecken und vielleicht das gute Besteck aus dem Speisezimmer im Korb versteckt, um bei den Bauern etwas zum Essen dafür einzutauschen. Da schien es gut, wenn man für alle Fälle etwas "zuzusetzen" hatte. Die Kinder im Krieg waren wie die Fliegen gestorben. Damit ich auch an diesem Tag nicht unter die Hungerleider fiel, durfte ich ab und an wieder am bitteren Bier nippen, was ich diesmal ausgiebiger tat. Irgendwie machte mich das Bier aber nicht lustig. Ich suchte trübsinnig auf der Resopalplatte des Tischchens nach Fossilien, weil sie aussah wie die Fensterbänke in der Schule. Ob ich auch schuld daran war, dass mein Vater so liederlich geworden ist? Es hieß ja, Kinder wären eine große Belastung und am besten bekäme man überhaupt keine in diesen Zeiten. Oft sprachen die Erwachsenen von "Verrecklingen" und von Mühlsteinen, die einem am Hals hingen. Vielleicht war irgend etwas von vornherein nicht richtig mit mir. Doch davon verstand ich zu wenig.

"Im Grunde leben wir schon jetzt im Himmel", hatte Fräulein Schrader gesagt. Der Himmel finge nämlich direkt über der Erdoberfläche an. Und da wir unbestreitbar über die Erdoberfläche hinausragten, wie die Bäume, Tiere und Häuser, wären wir im Grunde jetzt schon im Himmel. Darum komme es auch sehr darauf an, wie wir uns benähmen. Karlheinz hatte sich daraufhin gemeldet und gefragt, ob denn im schönen Himmel auch das Rauchen verboten sei und Fräulein Schraders Antwort, dass ein vernünftiger Mensch solche Fragen gar nicht stelle, war unbefriedigend ausgefallen. Zumal Günther, der auf dem Hemshof wohnte, ein paar Tage zuvor mit einer Schachtel Reval in die Schule gekommen war. Drei ganz Verwegene hatten sich daraufhin während der Pause in den kleinen Park abgesetzt und mit ihm eine "geblotzt". Seitdem wurden wir anderen von denen als "Affenärsche" bezeichnet. Ich fragte mich seitdem: Wenn der Glaube alles verbot, was spannend war, wozu war er dann gut? Ich selbst konnte mich zwar über Fräulein Schrader nicht beschweren, weil ich die Verslein immer auswendig konnte und dafür gelegentlich ein Belobigung einheimste in Form eines Bildchens, wo der Herr Jesus zum Himmel schaute und sich mit der rechten Hand ans Herz griff. Trotzdem wurden mir die ganzen himmlischen Gesetze immer geheimnisvoller, ja sie riefen meinen Widerstand hervor. Zumindest heute, am Vatertag, wo die Gebote einmal weniger galten, wollte ich Ersatz und erreichte, dass ich beim Großvater am Zigarillo ziehen durfte. Es schmeckte, wie wenn einem glühende Kohle in den Mund gestopft wird.

Mit beträchtlichem Getöse manövrierte sich unser Dampfer in die nächste Schleuse hinein. Ich stand auf und erkundete das Schiff im Heckbereich, wo man jetzt wieder die Schleusentore aus dem Wasser wachsen sah. Weil sie nicht ganz dicht waren, ergossen sich spritzende Wasserfälle zu uns herab in die Kammer. Wenn ein solches Tor plötzlich aufging, würde sich eine Sintflut über uns ergießen, und unsere Arche würde sich in den Schleusenwänden verkeilen so daß wir alle ersaufen müssten. Vielleicht aber auch nicht.

Dumpf tutete die Schiffssirene, der aufquellende Strudel hinter dem Schiff zeigte, wo die Schraube jetzt den Dampfer aus der Schleuse heraus flussabwärts schob. Es war schön und aufregend, die bewegten Wassermassen zu betrachten. Eine Urgewalt schien sich in dem kochenden Strudel auszutoben. Wozu es das alles gab? den Strudel, das Gewitter, die Schiffs- und Flugzeugunglücke, die Kreuzigungen und rasenden Lastwagen, die Schlägereien am Vatertag, den Herrn Schlickel, den Hitler und den Krieg ? Es wurde mir alles immer verschwommener, je länger ich da ins Wasser blickte. Vielleicht gab es einen Bereich unsichtbarer Engel zwischen den oberen und unteren Stockwerken des Himmels ... Da wurden die Menschen wie Marionetten an seidenen Fäden gehalten. Manchmal zupfte ein Engel an der Strippe und dem Betreffenden rutschte eine Hand aus, oder er vergriff sich an der jüngeren Schwester. Oder er fing eben mal einen Krieg an und plötzlich lagen ganz viele im Schlamassel. Vielleicht war es sogar der Fall, dass der Himmel an seinem unteren Rand Abstellkammern und Kellergewölbe hatte, Klos und Abflußrohre. Warum sollte dort oben alles anders sein als bei uns, wo wir ja den Anfang bildeten. Wir, die Ratten, die Himmelsratten und Kellerasseln im Engelsbau. Bei uns käme alles an, was oben nicht mehr gebraucht und weggeworfen wurde. Alles ergoss sich über uns, es floss und faulte, wir ernährten uns vom himmlischen Unrat und gaben ihn weiter an die Hölle. Und wahrscheinlich wurde mancher der nicht aufpasste, in den Höllenschlund mit hinuntergespült. Die Welt begann sich zu drehen. Ich fand keinen Halt mehr, auch wenn ich den Blick jetzt tapfer aufs Ufer richtete und auf die Wolken, die friedlich und unbeteiligt wie immer ihre Bahnen zogen.

Man solle sich benehmen, als sei man schon im Himmel. Doch Kopf und Bauch taten mir so weh, daß ich mich in keiner Weise mehr benehmen konnte. Ich kotzte in hohem Bogen die Leberknödel und alles, was ich gegessen hatte in den Neckar. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Alles drehte sich und beschleunigte meine Höllenfahrt.

 

weiter ...