Cousin Winfried, der mir eigentlich keiner ist und doch viel mehr, erscheint mir als ein ebenso wunderbares wie wundersames Wesen. Ich erlebe ihn immer wieder "wehend". Wehend im Durcheilen seines Lebens, wehend in seiner Art, überall zu sein und nirgends, wehend in seiner Fähigkeit, an allen möglichen und unmöglichen Stellen unüberhörbar leise Spuren zu hinterlassen.

Wehend aber auch im bildlichen Sinne. Es weht das Jackett, es weht der Talar. Nur die Haare, die aufgrund ihrer relativen Kürze schwer wehen können, gleichen die Unfähigkeit zur konsequenten Fortsetzung seines Charakteristikums aus, indem sie sich vehement weigern, einem festgefügten Konzept zu folgen. Nein, Winfried ist nicht zerzaust, nur immer anders. Jeder Tag folgt seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten. Bis in die Haarspitzen.
 

 

So eigendynamisch und bar jeder - wohl außer für ihn selbst - nachvollziehbaren Rhythmik sich Winfrieds Tage durchs Leben bewegen, so fließend sind auch seine Nächte. Müde vom rastlosen, lebenshungrigen Eilen holt ihn inmitten der Ruhe schnell die Unruhe ein. Die Einzelteile der vielen kleinen Geschichten, die aus ihm den Pol gestaltet haben, den er heute bildet, schleichen sich nachts in seine Gedanken ein. Und er beginnt zu schreiben.

Diese Geschichten aus einem Leben erscheinen mir als Elemente einer Persönlichkeit, die einfach zu schade sind, um sie auf einer Festplatte verschmoren zu lassen, bis dass der große Crash sie wieder abtauchen lässt. Es sind opulent erzählte, phantasievolle Geschichten mit mehr oder weniger autobiographischen Zügen, die aus einer präzisen Beobachtungsgabe heraus vorgetragen werden. Mögen sie für kaum jemanden eine Bedeutung besitzen, so doch spätestens für Winfrieds Kinder. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Denn sie skizzieren die stillsten Gedanken eines Menschen, dessen Wehen nicht flüchtig ist, sondern stark und reflektiert.

Uschi Hering